Statement von Bischof Dr. Helmut Dieser

Bischof Dr. Helmut Dieser zum Angriffskrieg auf die Ukraine

Bischof Dieser (c) Bistum Aachen
Bischof Dieser
Datum:
Mo. 28. Feb. 2022
Von:
Christa Lingenberg

Der russische Präsident Wladimir Putin hat in der Nacht zum 24. Februar 2022 einen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen. Damit bricht er nicht nur das Völkerrecht, sondern zahlreiche weitere europäische und internationale Verträge, die Russland selbst unterzeichnet hatte. Besonders schwer wiegt in meinen Augen, dass Präsident Putin damit auch das „Budapester Memorandum“ verrät und bricht.

In diesem Vertragswerk hatte Russland im Jahre 1994 der Ukraine zugesichert, auf jede Form der Gewalt gegen das Nachbarland zu verzichten, woraufhin im Gegenzug die Ukraine als damals drittgrößte Atommacht der Erde ihre sämtlichen Atomwaffen abrüstete. Geradezu zynisch wirkt in diesem Zusammenhang die aktuelle Äußerung des russischen Präsidenten, mit der er jedem Land, das jetzt der Ukraine militärisch zu Hilfe kommen wolle, mit dem Einsatz von Atomwaffen droht.

Allein diese wenigen Einblicke in die aktuellen kriegerischen Ereignisse in Europa zeigen, wie hoch gefährlich dieser von einem einzigen Staatslenker und dessen Regime betriebene Angriffskrieg auf ein militärisch unterlegenes Nachbarland für ganz Europa, ja für die Weltgemeinschaft ist.

In uns allen mischen sich sehr verschiedene heftige Emotionen: Erschrecken, Bestürzung, Wut, Angst, Mitleid mit den Angegriffenen, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Strafe für das verbrecherische Verhalten des russischen Regimes, das zu tausendfachem Sterben und zur Zerstörung eines ganzen Landes führt. Nicht vergessen werden dürfen die 14.000 Menschen die seit 2014 schon in den Ostgebieten der Ukraine durch von Russland ausgehende kriegerische Handlungen ihr Leben verloren haben.

In dieser Situation müssen wir uns auf die unaufgebbaren europäischen Werte besinnen, die unser Zusammenleben in der Europäischen Union bestimmen: Demokratie, freiheitlicher Rechtsstaat, Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung, Vertragsfreiheit und Vertragssicherheit, Unversehrtheit der Grenzen, Religionsfreiheit. Es muss unser politisches Ziel sein und bleiben, diese Werte zu verteidigen und sie auch allen anderen Ländern zuzugestehen, die sich in freier Selbstbestimmung dafür entscheiden.

Deshalb muss die Aggression des russischen Präsidenten gegen die Ukraine, ohne dabei selbst zu kriegerischen Mitteln zu greifen, mit der vollen diplomatischen und wirtschaftlichen Stärke der demokratischen Länder abgewehrt und schließlich überwunden werden.

Alles muss darauf abzielen, den von Russland entfachten Krieg schnellstmöglich zum Erliegen zu bringen und weitere Eskalationen zu verhindern! Das unsägliche Leid derMenschen in der Ukraine darf niemanden gleichgültig lassen.

Mit dem Überfall auf die Ukraine sind auch unsere eigene Freiheit und Unversehrtheit bedroht. Deshalb werden wir in der Verteidigung unserer Werte auch in unserem Land zu vielen wirtschaftlichen Belastungen und anderen Einschränkungen bereit sein müssen.

Ich bitte in dieser Stunde hoher Gefahr und größten Leids mitten in Europa alle Gläubigen unseres Bistums für die zu beten, die jetzt politische Verantwortung tragen und weitreichende Entscheidungen treffen müssen.

Ich bitte um das Gebet für die Menschen in der Ukraine, die Gewalt, Zerstörung und Tod erleiden, dass der Krieg bald beendet und der Friede wiederhergestellt wird.

Ich lade alle Gläubigen ein, am kommenden Aschermittwoch in ihren Kirchen das Bußzeichen der Asche zu empfangen als Zeichen der Solidarität mit den Leidenden in der Ukraine und in allen Ländern der Erde, in denen Krieg herrscht.

Zugleich mahnt uns die Asche, wie sehr wir Menschen und alles, was wir aufbauen, gefährdet sind, auch dadurch, dass die Menschen selbst das Feuer gegeneinander eröffnen.

Das Aschezeichen soll darum in diesem Jahr ein lauter Gebetsruf von uns allen an Gott werden, dass er uns hilft, die Wege zum Frieden zu erkennen und Gerechtigkeit zu erreichen für alle, die Unrecht von Menschenhand erleiden.

Beginnen wir die Österliche Bußzeit in diesem Jahr als einen Buß- und Gebetsweg zu einem versöhnteren Herzen und zu einer friedlicheren Welt!